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Traden - spekulieren - anlegen ...


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Traden - spekulieren - anlegen ...

Der Zeithorizont von Spekulation und Geldanlage

Die gewaltigen Umsätze an den Weltbörsen in den letzten Jahren entstehen durch ein neues Phänomen: Nicht mehr Menschen handeln mit Aktien, sondern Computer. Aktien werden oft gekauft und dann innerhalb von winzigen Bruchteilen einer Sekunde schon wieder verkauft. Das ist derzeit die unterste Grenze des Zeithorizonts von Aktiengeschäften.

Klar, dass man das nicht "Anlagegeschäfte" nennen kann. Es geht darum, selbst von geringsten Schwankungen der Wertpapiermärkte zu profitieren. Wenn Menschen das tun, dann sprechen wir von Trading (to trade = handeln), genauer gesagt von Daytrading, also dem Aktienhandel innerhalb eines Tages. Man steigt vielleicht mehrmals im Laufe des Tages ein und löst spätestens vor Börsenschluss seine Positionen wieder auf. Wer die Tagestrends richtig erkannt hat, kann damit Geld verdienen. Dieses Daytrading könnte man als den zweiten Zeithorizont der Börsengeschäfte bezeichnen.

Wenn man von Aktiengeschäften spricht, meint man Spekulation. Damit ist eigentlich nur gemeint, dass man versucht, durch geschicktes Kaufen und Verkaufen aus den Schwankungen der Aktienkurse Geld zu machen. Auch das ganz kurzfristige Trading ist natürlich meist Spekulation. Bei der "typischen" Börsenspekulation geht der Zeithorizont vom Tagesbereich bis zu mehreren Jahren.

Als Tagesspekulation könnte man den Versuch bezeichnen, aus aktuellen Ereignissen Kapital zu schlagen. Vielleicht verkauft alle Welt Lufthansa-Aktien wegen einer Vulkan-Aschewolke. Ein Spekulant kauft in der Hoffnung, dass der Spuk in ein paar Tagen vorbei ist und die Kurse wieder steigen. Die Aktien von K+S, einem Unternehmen, das neben Kalidünger auch Streusalz verkauft, werden für Spekulationen über das Winterwetter benutzt. Viele Spekulanten versuchen, den Terminplan der Quartalsberichte zu nutzen. Wer vorab richtig einschätzt, ob die Geschäfte wohl besser oder schlechter gelaufen sind, als allgemein erwartet, kann innerhalb von ein paar Tagen gutes Geld verdienen.

Aktienmärkte übertreiben häufig Sorgen und Hoffnungen auch bei Tagesereignissen. Was nur ein Hundertstel des Firmenertrags ausmacht, kann durch eine entsprechende Presse trotzdem leicht mehr als ein Zehntel des Kurswertes kosten oder erbringen.

Der nächst längere Zeithorizont ist eine Art Trendspekulation. Ein Spekulant erkennt, dass eine Aktie zu steigen beginnt. Er steigt ein und Wochen oder Monate später lässt der Run auf diese Aktie nach und der Spekulant steigt wieder aus. Ob dabei wirklich wirtschaftliche Hintergründe vorliegen, ist oft zweitrangig. Auch im Vorfeld von politischen Wahlen gibt es solche Trends.

Nicht nur die Anfänger im Spekulationsgeschäft zahlen eine Menge Lehrgeld für psychologische Phänemene: Panikverkäufe ausgerechnet zum tiefsten Kurs. Oder für die ganz einfache Erkenntnis: Es werden nicht Werte, sondern Erwartungen gehandelt. Wenn erst einmal alle wissen, dass die Geschäfte eines Unternehmens gut laufen, wo soll dann der Kurs noch hin? Wer soll denn dann noch bei noch höheren Kursen einsteigen? Es ist also Zeit, ganz schnell Kasse zu machen und sich wieder Aktien zuzuwenden, die erst am Anfang eines positiven Trends stehen. Besonders gute Geschäfte können einen Börsenkurs gründlich verhageln und umgekehrt können katastrophale Ertragszahlen, sobald jeder davon weiß, zu steigenden Kursen führen.

Es gibt daher auch eine Art von "Spekulation auf Erwartungen". So kann eine gesunkene Bohrinsel wochenlang immer noch höhere Umweltkosten vermuten lassen. Aber vielleicht folgt dann doch wiederum eine wochenlange Spekulation auf die rettende Meldung "Ölaustritt gestoppt" oder "alles nicht so schlimm". Oder ein staatlicher Raubzug in Form einer Sondersteuer? Wenn sich der erste Schrecken gelegt hat, kann es durchaus sein, dass über Monate auf den Ausgang der nächsten Wahl spekuliert wird und dabei der Kurs höher steigt als zuvor. Und natürlich kann man auf derartige Markterwartungen spekulieren und dabei viel Geld gewinnen oder verlieren.

Das Börsengeschehen ist zu einem großen Teil Psychologie, auch wenn die übergroße Mehrheit der Umsätze von Computern gemacht werden. (Im Mai 2010 wurde die Wall Street sogar von einer Computerpanik heimgesucht.) Das kann man einerseits nutzen, indem man versucht, die Psyche der Marktteilnehmer und deren Wendepunkte richtig zu deuten. Psychische Faktoren spiegeln sich aber auch oft im Kursverlauf so wider, dass man bestimmte Muster erkennen kann.

Die Abbildungen von Aktienkursverläufen nennt man Charts. Die Kunst, diese zu deuten, nennt man Charttechnik oder gelegentlich auch Chart-Spekulation. Beispiel: Abklingende Nervosität beispielsweise ergibt Dreiecksformationen. Anfangs große und hektische Ausschläge werden allmählich immer niedriger. Pendeln die Ausschläge um immer den gleichen Mittelwert, liegt das Dreieck also gerade, dann erwartet man, wahrscheinlich zu Recht, dass sich in den meisten Fällen ein zuvor schon erkennbarer Trend wieder fortsetzen wird. Charttechnik ist völlig losgelöst von Ereignissen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Es ist offenbar verführerisch, ohne jede direkte Kenntnis der wirtschaftlichen Gegebenheiten von einem ruhigen Wohnzimmertisch aus den weiteren Kursverlauf vorhersagen zu können. Leider sind die meisten Formationen erst dann zuverlässig zu deuten, wenn sie "fertig", also bereits Vergangenheit sind. Einige Parallelen zur Astrologie sind jedenfalls unverkennbar.

Deutlich zu beobachten sind die mehrjährigen Trends von Zinsen, Konjunktur und Börsenkursen. Anfang und Ende dieser Zyklen sind erst im Nachhinein zuverlässig zu erkennen. Wer aber einen Teil des potentiellen Gewinns verschenkt und lieber etwas später einsteigt und wieder aussteigt, bevor die Spitze der Euphorie auf der Höhe des Zyklus erreicht ist, kann damit gutes Geld verdienen. Doch auch diese Zyklen-Spekulation ist Spekulation mit allen ihren Risiken.

Natürlich ist auch der nächste Zeithorizont noch immer mit Spekulation behaftet: Die gewinnbringende Aufbewahrung von Geld für einen späteren Lebensabschnitt: Vom Kindesalter aufbewahrt für das Studium oder während des Arbeitslebens angespart für das Rentenalter. Hier stehen weder Konjunkturzyklen noch "trendstarke Aktien" im Mittelpunkt, sondern langfristige Überlegungen wie "Die Zahl der Menschen steigt, die verfügbaren Rohstoffe schwinden." oder "Der Anteil der älteren Menschen nimmt zu.". Dagegen weiß niemand, welche Autokonzerne es über die Schwelle der Umstellung auf Elektroautos schaffen werden. Mancher wird daher für die Langfristanlage vielleicht auf Bergbau- oder Pharmakonzerne setzen. Doch "mit des Geschickes Mächten ist kein ewger Bund zu flechten", auch für diese Unternehmen nicht.

Bei Grundstücksgeschäften geht der Anlagehorizont sogar noch weiter: Bodenständige Bauern denken oft in Generationen. Und eine Kirchengemeinde kann auch auf den Bodenwert in zweihundert Jahren wetten.

Spekulation auf den Weltbörsen heißt: Man glaubt, man wisse besser, was eintreten wird, als der Rest der Welt. Alle Informationen, die bekannt sind, sind auch "im Kurs schon enthalten". Eine wichtige Erfolgsgrundlage ist es daher, wenigstens in der richtigen Frist zu denken, nicht in Panik oder Euphorie zu verfallen und stets mit Aktien zu spekulieren, die genug Ertrag abwerfen, dass man den Kauf auch dann nicht bereuen muss, wenn man sie über längere Zeit wegen sonst fälliger Kursverluste nicht verkaufen möchte.

Und noch etwas Wichtiges: Sie investieren nicht nur Kapital: Sie investieren stets auch Zeit und Nervenkraft, je kürzer der Zeithorizont ist, in dem sich Ihre Börsengeschäfte bewegen.

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